Ausschnitte aus der Rezension von Ann-Britta Dohle zur 125. Vorstellung von „Im Frühling hat man keine Lust zu sterben!“ im Rahmen der 43. Paderborner Puppenspielwochen:
Warnsignal für die heutige Zeit
Das Klassenzimmerstück „…im Frühling hat man keine Lust zu sterben!“ bietet ungewöhnlich schwere Kost bei den Paderborner Puppenspielwochen. […]
Die dokumentarischen Abschiedsbriefe von Krystina, Johanna, Hildegard […] werden von der Figurenspielerin Raab mit minimalistischen Objekten – einem Koffer, einer Brille, einem Apfel, Insekten, einem Taktell – und schauspielerischer Skizzierung bis hin zur bitter-clownesken Verzerrung in Szene gesetzt. Raab lässt vor allem die Machenschaften der Nazizeit in der Justiz, die Entwertung des Menschen, wieder aufleben. […] Es ist das perfide Vorgehen der Justiz – der Einzug der Willkür, die Umwandlung eines Rechtsstaates in einen Unrechtsstaat, welches im Vordergrund steht. […]Raab ist schonungslos, überzieht immer wieder das Groteske der Zeit ins Groteske der Gestik und Mimik. […]
Vorlesung der Anklage. Raab stopft sich in der Perversion noch einen Apfel in den Mund, sabbert die Hetze selbst wie ein Chamäleon mit hängender Zunge heraus […] zelebriert abfällig die „Gefühle der Abscheu“ gegenüber der Angeklagten, unterbricht zum nervigsten Male, um eine Fliege tot zu klatschen, spuckt Apfelreste aus. Schwer auszuhalten, aber was ist das schon verglichen mit den pietätlosen und pervertierten Machenschaften der Nazis? […]Der Figurentheater aus Halle sendet ein eindeutiges Warnsignal in die heutige Zeit. Auch wenn das Konstrukt schauspielerisch bisweilen an den Rand des Zuviels gerät, die Aufführung erzeugt Betroffenheit. […]
Ann-Britta Dohle, Neue Westfälische, 29.03.2025
Foto: Ann-Britta Dohle